6. 2. 2026 · Ing. et Ing. arch. Jiří Lukeš
Der öffentliche Raum beginnt mit der Aufgabenstellung
Der wichtigste Trend bei der Gestaltung des öffentlichen Raums ist weder Partizipation noch „Placemaking“. Es ist vielmehr die Verlagerung des Schwerpunkts auf den Anfang: Städte im Ausland investieren in das Verständnis des Ortes und in eine fundierte Aufgabenstellung, noch bevor mit der Planung begonnen wird. Ein Überblick über die Trends und deren Auswirkungen auf tschechische Gemeinden.
Es geht nicht um die Technik, sondern um den Anfang
Wenn von Trends im öffentlichen Raum die Rede ist, denken die meisten Menschen an Bürgerbeteiligung, temporäre Parklet-Anlagen oder begrünte Plätze. All das sind Mittel zum Zweck. Der eigentliche Wandel, der sich im Ausland länder- und büroübergreifend wiederholt, liegt woanders: Städte verlagern den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf den Beginn des Projekts. Sie investieren in das Verständnis des Ortes und in eine hochwertige Aufgabenstellung, bevor mit der Planung und der Ausschreibung begonnen wird.
Diese „Phase Null“ hat im Ausland eigene Bezeichnungen, Normen und Berufsbilder. In Tschechien überspringen die Gemeinde n sie oft. Der Architekt erhält eine allgemeine Aufgabenstellung, das Projekt entsteht, und erst bei der Erörterung zeigt sich, dass es etwas anderes löst, als der Ort benötigt.
Phase Null: Erst einmal verstehen
Phase Null bedeutet, den Ort und die Bedürfnisse der Menschen eigenständig zu analysieren und das Ergebnis als verbindliche Aufgabenstellung festzuhalten. Erst daran schließt sich der Entwurf an.
- Deutschland: Die Bedarfsplanung wird durch die Norm DIN 18205 geregelt. Sie wird als „Phase Null“ bezeichnet und wird separat vor der ersten Projektphase vereinbart und bezahlt.
- Frankreich: Die Aufgabenstellung für Kommunen wird von einem eigenständigen Berufsstand, dem „Programmist“, erstellt. Dieser erstellt vor der Ausschreibung ein verbindliches „Programm“ und unterstützt anschließend die Jury bei der Bewertung der Entwürfe.
- Großbritannien: Das Standardverfahren des RIBA beginnt mit der Phase 0, der strategischen Festlegung des Vorhabens und der Aufgabenstellung des Auftraggebers.
Für die Gemeinde ist dies eine praktische Frage des Budgets. Ein Auftrag, für den eigene Mittel und Zeit zur Verfügung stehen, ist der kostengünstigste Weg, um ein teures Projekt zu vermeiden, das die falsche Aufgabe löst.
Partizipation als Fachdisziplin
Die Einbeziehung der Bevölkerung ist kein freiwilliges Zusatzelement mehr, das am Ende angehängt wird. In vielen Ländern ist sie gesetzlich vorgeschrieben und wird von einem Spezialisten geleitet.
- Niederlande: Das Raumordnungs- und Umweltgesetz (Omgevingswet), das am 1. Januar 2024 in Kraft tritt, verpflichtet die Gemeinde n zur Einführung einer Partizipationspolitik. Im Rahmen des Flächennutzungsplans müssen sie darlegen, wer einbezogen wurde, welche Beiträge geäußert wurden und wie mit den Ergebnissen verfahren wurde.
- Großbritannien: Seit 2021 werden „Design Codes“, also lokale Vorschriften für die Gestaltung des Raums, gefördert. Der „Levelling-up and Regeneration Act“ von 2023 hat sie zu einem Bestandteil der Planung gemacht, und die Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine Voraussetzung für ihre Ausarbeitung.
- Schweden: Die Regierung beauftragte die Behörde Boverket bereits 2013, für die Gemeinde n eine Methodik für den Dialog mit den Bürgern zu erarbeiten.
Gleichzeitig verändert sich auch der Inhalt der Bürgerbeteiligung. Anstelle von Umfragen gewinnen deliberative Formen an Bedeutung, bei denen eine kleine Gruppe ausgewählter Einwohner sich fundiert zu einer konkreten Frage äußert. Die OECD zählte im Jahr 2020 fast 300 solcher Fälle und spricht von einer „deliberativen Welle“. Andere gestalten die Bürgerbeteiligung ohne Fragebogen: Sie beobachten, wie Menschen einen Ort tatsächlich nutzen, oder arbeiten direkt in der Schule mit Kindern zusammen.
Entscheidend ist, dass das Ergebnis der Partizipation nachweisbar sein muss: Wen haben wir einbezogen, was wurde geäußert und wie hat sich dies auf die Aufgabenstellung ausgewirkt? Für den Bürgermeister ist eine solche Grundlage eine Stütze bei der Entscheidungsfindung, kein Risiko.
Im Kleinen testen, bevor dauerhaft gebaut wird
Taktischer Urbanismus ist ein Ansatz, der von Mike Lydon und Anthony Garcia vom Büro Street Plans populär gemacht wurde. Er arbeitet mit kurzfristigen, kostengünstigen und erweiterbaren Maßnahmen, die zu langfristigen Veränderungen führen. Eine vorübergehende Umgestaltung testet den Entwurf, bevor die Gemeinde in eine dauerhafte Baumaßnahme investiert.
- San Francisco wandelt seit 2010 Parkplätze in kleine öffentliche Terrassen (Parklets) um. Das Programm „Pavement to Parks“ hat über fünfzig davon geschaffen.
- New York sperrte 2009 zunächst Teile des Times Square vorübergehend für den Autoverkehr und stellte dort Stühle auf. Nach einer Auswertung entstanden daraus dauerhafte Fußgängerzonen.
- Delft ist ein historisches Beispiel: In den 70er Jahren gestalteten die Einwohner die Straße selbst um, um den Autoverkehr zu verlangsamen. Daraus entstand der „Woonerf“, eine Wohnstraße, die die Niederlande 1976 in der Straßenverkehrsordnung verankert haben.

Taktischer Urbanismus ist Partizipation durch Handeln. Die Menschen erleben die Veränderung zunächst und erst danach wird darüber entschieden. Für Gemeinde n in Tschechien ist er als offizieller Vorbereitungsschritt nützlich, also als Pilotprüfung der Aufgabenstellung, nicht als Improvisation.
Daten statt Eindrücke
Entscheidungen über den öffentlichen Raum stützen sich immer häufiger auf Beobachtungen und Daten. Das dänische Büro Gehl hat Methoden entwickelt, um das öffentliche Leben zu beobachten: Wie viele Menschen passieren einen Ort, wer bleibt stehen, wo sitzen die Menschen und zu welcher Tageszeit ist der Ort leer? Das Ergebnis widerlegt oft gängige Vorstellungen. Eine belebte Straße kann lediglich eine Durchgangsstraße sein, und ein „toter“ Platz kann abends sein eigenes Leben entfalten.
Für die Gemeinde ist dies ein kostengünstiges und verständliches Instrument. Ein paar Tage Beobachtung liefern eine Grundlage, die sich sowohl im Gemeinde rat als auch gegenüber den Einwohnern gut vertreten lässt.
Das Klima als Teil der Aufgabenstellung
Heiße Sommer und Starkregen verwandeln den öffentlicher Raum in Infrastruktur. Entasphaltierung, Bäume, Wasser und Schatten sind keine ästhetische Entscheidung mehr, sondern dienen dem Gesundheitsschutz.
- Paris verwandelt im Rahmen des OASIS-Programms Schulhöfe in „Kühlinseln“: weniger Asphalt, mehr Grünflächen und wasserdurchlässige Oberflächen. Nach zehn Pilothöfen sind bis 2022 insgesamt 75 entstanden. Jede Umgestaltung begann mit Workshops mit Kindern und Lehrkräften.
- Barcelona sorgt im Rahmen des Projekts „Superilles“ für mehr Ruhe in den Wohnblöcken im Eixample. Die Straßen innerhalb der Wohnblöcke werden in Bereiche für Fußgänger, Grünflächen und Spielplätze umgewandelt.

Die Klimaanpassung ist zugleich ein starkes Argument für Fördermittel. Eine Gemeinde, die eine konkrete Aufgabenstellung vorbereitet hat, erhält diese leichter.
Weniger bauen, besser nutzen
Ein weiterer Trend betrifft Gebäude im öffentlichen Raum. Leerstehende und ungenutzte Häuser in den Ortskernen haben Vorrang vor Neubauten am Stadtrand. Das österreichische Büro nonconform veranstaltet dazu eine Konferenz zum Thema Leerstand (Leerstandskonferenz). Ein wiederbelebtes Haus auf dem Marktplatz trägt mehr zur Aufwertung des öffentlicher Raum bei als neue Pflastersteine.
Ein Experte an der Seite der Gemeinde
Die Gemeinde n kommen alleine nicht hinterher. Sie haben zu wenige Fachleute und tragen eine große Verantwortung. Im Ausland sind daher Modelle entstanden, die die Kapazitäten auf Seiten des Auftraggebers stärken:
- Frankreich: Gemeinde n stellen einen Auftraggeberassistenten (AMO) ein und können sich an ein Netzwerk von Beratungszentren für Architektur und Umwelt (CAUE) wenden.
- Flandern: Der flämische Staatsarchitekt (Vlaams Bouwmeester) unterstützt seit 1999 öffentliche Auftraggeber, darunter auch Gemeinde n, bei der Auswahl von Planern im Rahmen regelmäßiger Ausschreibungen („Open Oproep“). Die Regeln der Ausschreibung wurden zuletzt im Mai 2024 angepasst.
- Großbritannien: Die Organisation „Public Practice“ vermittelt seit 2017 erfahrene Stadtplaner und Architekten für einjährige Praktika in Behörden. Der Grund dafür ist einfach: Im öffentlichen Sektor arbeiten weniger als 1 % der Architekten.
Qualität statt Preis
Länder mit einem hochwertigen öffentlichen Raum haben gemeinsam, dass sie die Aufgabenstellung vom Entwurf trennen und nach Qualität statt nach dem niedrigsten Preis auswählen.
- Die Niederlande wenden seit 2005 das „Best Value Procurement“-Verfahren an. Die Fachkompetenz und die Leistung des Auftragnehmers haben Vorrang vor dem Preis. Voraussetzung sind sehr klar definierte Ziele.
- Deutschland kennt den Verkauf kommunaler Grundstücke nach der Qualität des Konzepts (Konzeptvergabe). So beeinflusst die Gemeinde auch bei privaten Investitionen die Qualität.
- Frankreich wählt bei öffentlichen Gebäuden, die den europäischen Schwellenwert überschreiten (für die Jahre 2026–2027 sind dies 216.000 € ohne MwSt.), Architekten in der Regel im Rahmen eines Wettbewerbs aus. Ab dem 22. Februar 2026 können Gemeinde n bei Aufträgen bis zu 300.000 € ohne MwSt. auf ein Ausschreibungsverfahren verzichten (Verordnung Nr. 2026-117). Doch auch ohne Ausschreibung benötigt die Gemeinde eine klare Aufgabenstellung und Auswahlkriterien.
- Großbritannien hat seit dem 24. Februar 2025 ein neues Gesetz über die Vergabe öffentlicher Aufträge (Procurement Act 2023). Anstelle des „wirtschaftlich günstigsten Angebots“ wird das „günstigste Angebot“ bewertet, und die öffentlichen Auftraggeber müssen den gesellschaftlichen Nutzen des Auftrags berücksichtigen, nicht nur den Preis.
- Die Schweiz löst komplexe Aufgaben mittels Testplanung gemäß der Norm SIA 143. An derselben Aufgabe arbeiten mehrere Teams parallel, und das Ergebnis sind Empfehlungen für das weitere Vorgehen.
In Tschechien ermöglicht das Gesetz über die Vergabe öffentlicher Aufträge eine Qualitätsbewertung, und die Tschechische Architektenkammer empfiehlt den Gemeinde n Ausschreibungen. In der Praxis entscheiden sich die Gemeinde n jedoch häufig nach dem Preis, und die Aufgabenstellung verfügt über kein eigenes Budget.
Was sich daraus für die Gemeinde n ergibt
Die Erfahrungen aus dem Ausland lassen sich in fünf Schritte zusammenfassen:
- Der Aufgabenstellung ein eigenes Budget zuweisen. Das Verständnis für den Ort und eine klare Aufgabenstellung sind eigenständige Arbeiten und kein Teil des Projekts „umsonst“.
- Die Bevölkerung fachlich und nachweisbar einbeziehen. Das Ergebnis der Beteiligung soll die Grundlage für die Aufgabenstellung bilden, nicht nur eine Veranstaltung für die Öffentlichkeit sein.
- Im kleinen Maßstab testen. Eine vorübergehende Umgestaltung oder ein Pilotprojekt vor einer dauerhaften Investition zeigt, ob die Lösung funktioniert.
- Nach Qualität auswählen. Ein Wettbewerb oder eine Qualitätsbewertung funktioniert nur, wenn ihr eine qualitativ hochwertige Aufgabenstellung vorausgeht.
- Einen Experten an seiner Seite haben. Die Gemeinde braucht jemanden, der ihre Interessen vom ersten Ideenentwurf bis zur Auswahl des Planers vertritt.
Ein hochwertiger öffentlicher Raum beginnt nicht mit der ersten Zeichnung. Er beginnt mit der Frage, was der Ort für seine Bewohner leisten soll, und mit einer Antwort, die klar genug ist, um darauf aufbauend zu entwerfen.
Quellen
- ibau – Bedarfsplanung (DIN 18205)
- OECD – Catching the Deliberative Wave (JRC-Übersicht)
- ASLA – Everything You Wanted to Know About Tactical Urbanism
- Climate-ADAPT – Paris OASIS-Schulhofprogramm
- Stadtverwaltung Barcelona – Superilles
- Vlaams Bouwmeester – Offene Ausschreibung
- Architecture Today – Public Practice
- Actu-Juridique – Architekturwettbewerb: eine bedingte Vereinfachung des Verfahrens
- Landot & associés – Schwellenwert für die Befreiung vom Architekturwettbewerb auf 300.000 € ohne MwSt. angehoben
- Open Access Government – Das Vergabegesetz 2023 und der soziale Mehrwert